Essen, Samstag den 22.05.10
Herman van Veen zitiert sich zu oft selbst
Gestern gastierte Herr van Veen in der Philharmonie in Essen.
Es ist das Abschlusskonzert der langen Deutschlandtour.
Obwohl seit 1968 vierzig Prozent des van Veen-Publikums gestorben sein sollen, ist der Saal sehr gut besucht. Die Erwartungen sind hoch. Was hat der „Star“ für diesen Abend mitgebracht? Zunächst mal muss man feststellen – er hat den Vorhang vergessen. Die Bühne liegt in blaues Licht gehüllt gänzlich unverhüllt da. - Ein nicht zu unterschätzendes Mosaik.- Zu Beginn -vor dem ersten Lied- darf das Publikum lernen zu regnen, zu gewittern und die Sonne scheinen zu lassen –einfache, aber schöne Effekte. Darauf scheißen die Tauben Amsterdam weiß und es regnet und regnet und regnet, und wenn es nicht regnet dann fängt es an zu regnen. Mit diesem Opener ist van Veen schon seit fast 3 Jahren unterwegs (auch nur mit Edith Leerkes im Programm „unter vier Augen“). Ebenso verhält es sich mit zahlreichen anderen Stücken: Die beiden Hunde, die sich an der ehemaligen Mauer anpinkeln, das Fieberthermometer hinterm Ohr, Amsterdam Flussviertel, Bei mir, Anne, die göttliche Psychose, Anders anders, Johnny, der Klavierhocker, etc.
Van Veen hat nicht wirklich viel Neues im Gepäck, es gibt nicht mehr wie früher einen roten Faden und die überwältigende Dichte, den schmerzenden, jähen Wechsel von tiefem Ernst zum heiteren, absurden oder komischen Clown und zurück. Alles wirkt angerissen, nicht ernsthaft, es plätschert so dahin. Das Publikum ist gut und vergisst nicht, sofort zu regnen (ein Teil des Publikums reibt sich die Hände, ein Teil schnippt und ein dritter Teil klopft die Schenkel), zu gewittern (Publikum stampft mit den Füßen) wenn Herman van Veen die Worte Regen oder Gewitter fallen lässt. Nach 55 Minuten ist unvermittelt Pause. Früher gab es Momente, da schien die Zeit für einen Moment im Saal still zu stehen, wenn van Veen Lieder sang wie „Wölfe und Vampire“, „Grand Hotel Deutschland“, „You take my breath away“, „Was ich Dir singen wollte“, „Alles unter einem Hut“, „Möglicherweise ein Walzer“, „Ochtend in de stad“, „Du bist die Ruh“ oder selbst „Amsterdam Flussviertel“. Heute scheint es, als ob es keine Zeit mehr gäbe, das Konzert gerät ein bisschen zu einer fahrigen Werkschau, die leider nicht wirklich gelingt. Für Zuhörer, die während der Tournee mehrmals im Konzert waren, tauchen bekannte Teile wie „Jonny“ auf (van Veen und van der Wurff spielen durch Whisky Volltrunkene und ursprünglich erzählt van Veen eine wundervolle Geschichte wie man betrunken von der Kneipe rückwärts fahrend nach Hause kommt), doch die Geschichte bleibt unerzählt. Es bleiben Zitate und für Erstbesucher nicht mal verstehbare. Wenn der Opa dem Enkelkind die Notwendigkeit der Atomkraftwerke erklärt und dabei über die zwei Köpfe streichelt, ist das zwar sehr gruselig, aber es funktioniert nicht so wie früher, weil es singulär bleibt. Ungewöhnlich platt bleibt van Veen bei dem Statement, dass ein fehlender Begriff für verwaiste Eltern etwas über die Gesellschaft verrät. Der gewählte Titel der Vorstellung „Im Augenblick“ erklärt sich im Laufe des Abends nicht. In der Hoffnung auf mehr ist der Abend leider zu schnell zu Ende. Die Erwartungen an den Abend werden nicht erfüllt, da van Veen zwar die Zahl der begleitenden Musiker erhöht hat, nicht aber das musikalische Spektrum erweitert. Eine weitere Geige ist kein Saxophon, Akkordeon oder eine Klarinette – durch solche Instrumente entstanden früher wunderbare Momente und Klangfarben, die man schmerzlich vermisst. Und wenn Erik van der Wurff auch noch an die Bassgitarre geht, hört man nur noch Saiteninstrumente, was dann doch ermüdend ist. Sein Klavierspiel ist unverzichtbar. Wenn Edith, Jannemien und Dorit ( sie tanzt wunderbar) gemeinsam singen ist das wunderschön, doch leider auch nicht mehr so intensiv, wie beim letzten Programm bei „Until“. Bei den Zugaben beschränkt sich van Veen auf wenige, immerhin singt er „Laat me“. Allerdings kommt die Interpretation des Liedes nicht annähernd an die auf DVD vorhandene. Und wieder „Ich hab ein zärtliches Gefühl“, einfach zu oft gehört. Früher gingen Konzerte bis 23:30 Uhr und länger – heute ist um 22:40 Schluss. Es gäbe so viel aus dem riesigen Repertoire van Veens darzubieten was das Publikum genießen würde – aber es bleibt ungehört.
Hier in Essen ist die Tournee zu Ende. Leider führt der letzte Abend nach 85 Konzerten in Deutschland nicht zu einem richtigen Abschlusskonzert! Zu hoffen bleibt, dass van Veen sich auf die bessere Qualität der früheren Tourneen besinnt und seinem treuen Publikum zukünftig mehr Neues bietet – gerade auch angesichts der nicht unerheblichen Kartenpreise. Die Konzertbesucher hätten es wahrlich verdient nicht nur van Veen-Zitate durch vier fantastische Musiker und einen eigentlich genialen Herman van Veen zu hören. „Schrei mit mir, sing mit mir, tanz mit mir…“, Herman tu es!!!! Seit geraumer Zeit bleibt er unter seinen Möglichkeiten- warum nur?????